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Gabriel



Die Augen betrübt niedergeschlagen wandelt eine blass vom regen verschleierte Gestalt über die Wege einer Straße ohne Ziel. Seufzend begleiten die Augen jeden Schritt den ihre Füße tun. Und wieder liegt ein Stück Weg hinter ihr, und eine blasse Zukunft vor ihr...

Schrillend reißt der Wecker die schmale Gestalt aus dem Schlaf. Langsamverblasst der beunruhigend friedliche Traum, und es bleibt nur der fade Geschmack der kalten Realität zurück. Fröstelnd steht sie auf, schließt das Fenster und kommt an dem großen Spiegel vorbei. Der Anblick stößt sie ab und fesselt sie zugleich. Aus dem metallisch nüchternen Silber blickt ein kränkliches etwas zurück, mit wässrigen, alltäglich grünen Augen, einem blassen Mund, allerwelts Haaren und einer Figur die nicht dünn, nicht dick, aber auch nicht normal ist. Doch etwas anderes fesselt den Blick der selbstkritischen; auf dem Arm glänzen Spuren, erheben sich die Zeichen von verworrenen Gedanken und einer leidenden Seele. Wie jemand anderes blickt sie an dieser Schulter herab,
folgt dem Arm und bleibt mitlieblosem Blick an den Narben hängen. Narben, blasse, verblasste und blutigrote, neue, zieren ihre Haut. Mit einem fastselbstgefälligen Lächeln blickt sie dem Spiegel wieder in die Augen. „Du hast nichts anderes verdient! Leide...“ Ihre Stimme ist kühl und Leidenschaftslos. Ein Schulterzucken, ein seufzen, und sie verlässt den Spiegel Richtung Badezimmer.

Die Sonne scheint trotz der frühen Stunde schon unerbarmlich grell. Die Sonnenbrille fest an die Augen gedrückt, und das Ellbogen lange Haar wild ins Gesicht hängend versucht sie das grelle Licht auszusperren. Zu lange war der Abend gewesen, und zu kurz der Schlaf der Nacht. Der Bus war wie immer viel zu voll und die Zeit schon zu weit gerannt um nun noch pünktlich zu kommen, aber was sollte es schon. Unvermeidbares braucht man nicht zu verhindern suchen.
Bald ist das ungeliebte Ziel erreicht. Der Bus hält, die vielen kleineren Kinder strömen freudig, erwartungsvoll hinaus gen Schule. Langsam folgt sie der kreischenden Meute. Ein leises kribbeln lässt sie kurz inne halten. Als sie sich umdreht sieht sie auf der anderen Straßenseite eine von der Sonne umrahme Silhouette. Ein Junge steht da, mitten in der Bewegung verharrt, wie erstarrt. Langsam dreht er sich um und seine Augen wandeln suchend über die Straße. Sie verharren kurz an einer Gruppe „aufgebrezelter“ Mädchen und verankert sich dann in den, von der Sonnenbrille verdeckten, Augen des Mädchens in Nachtschwarz. Wie ein brennender Schauer aus purem Feuer rast es in ihre Augen und über ihren Rücken hinab. Fast wie ein verschrecktes, ängstliches Kind wendet sie sich ruckartig um und läuft weiter Richtung Schule. Lieber der bewussten Tortur entgegen, als dieses unbekannte Gefühl erleben zu müssen, ohne zu wissen ob es gut oder schlecht ist. Mit einer Mischung aus Neugierde, Angst und einem wohligen kribbeln denkt sie an die vertäumten, klaren Augen des Jungen zurück.

Unter ihren plumpen Händen entstehen Zeilen voller Leid und einer Woge von trostloser Müdigkeit. Die Worte fließen aus ihrem Stift auf das unschuldige blüten-weiß des Papiers. Mit einem Ohr verfolgt sie ungerührt die Diskussion der Klasse. Wieder belangloses Zeug von Religion, wie sie die Menschen verändern könnte. Und das im Sozialwissenschaftskurs. Im Gedanken schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen; wie Menschen nur so schrecklich heuchlerisch sein können. In einem Moment glauben sie an dieses christen-göttliche Wesen, im anderen Moment vergessen sie alle ihre Vorsätze und Gebote und zerstören die Welt, verletzen das Leben und ihre Umwelt, oder beginnen Kriege! Solch heuchlerische Wesen.
Plötzlich ist Stille in der Klasse. Das Hintergrundgerede hat ein jähes Ende gefunden. Sie hebt den Kopf und reißt sich aus ihren Gedanken. Als sie ihrer Lehrerin ins Gesicht blickt sieht sie nur entsetzen. „Was hast du getan?“ Tränen beginnen ihrer Lehrerin an den Wangen herab zu rinnen. „Gabriel, was hast du getan?!“ Langsam sickern die Worte zu ihr durch und es fällt ihr auf das sie gemeint war. Die Erkenntnis kommt schnell: ihr Name war `Gabriel´, englisch ausgesprochen, ein guter Name. Doch ebenso ereilt sie die kalte Erkenntnis das sie nicht weiß warum ihre Lehrerin sie so schockiert und weinend ansieht. „Aber was ist denn los?“ Leicht entrückt kommt sich Gabriel vor. Die Lehrerin reißt sich aus ihrer Erstarrung, sucht wild in ihrer Tasche nach etwas, und kommt, hektisch mehrere Taschentücher aus der Packung reißend, auf sie zu. Die Klasse ist Still. Beinahe unheimlich still. Als Gabriel in die Runde blickt begegnen ihr wenige schockierte Blicke, alle anderen starren auf ihre Hände. Erst als ihre Lehrerin nach ihrer linken Hand greift, und die Taschentücher zuhauf irgendwie darum drapiert, bemerkt Gabriel die Wärme die über ihre Hand fließt. Diese klebrige Wärme ist ihr nicht unbekannt. Doch jetzt ist es etwas anderes. Aus ihrer Hand sickert Blut, leidlich aufgefangen von den durchtränkten Papiertaschentüchern. Irgendwann in ihre schrägen Gedankengängen muss sie mal wieder jegliche Beherrschung verloren haben, wie so oft zuvor, was die Narben an ihrem Arm belegen. Durch die Hand hindurch, zwischen den Mittelhandknochen von Ring- und Mittelfinger hindurch gestoßen, ragt Gabriels Lieblings Bleistift beinahe mahnend, fast drohend, hinauf. Und mit den roten Tränen, den blutigen, sühnt ihr Körper wieder, was ihre Seele nicht ertragen kann und will. Mit gerunzelter Stirn betrachtet Gabriel den Bleistift in ihrer Hand, schüttelt kurz den Kopf, blickt ihre Lehrerin Mitleidig an und wendet sich dann suchend ihrer Tasche zu. Aus den leicht übersehbaren, unpersönlichen Tiefen der Tasche fördert Gabriel einen Verband, eine Schere und einen Tampon zu tage. Eie entwindet ihrer Lehrerin die Hand, zerschneidet unter ungläubigen Augen den Tampon in zwei hälften und legt den Verband bereit. Ohne auch nur eine Gefühlsregung zu zeigen, zieht sie mühelos den Bleistift aus der Hand, steckt das Stück Tampon in das blutende Loch in der Hand und legt dann, wie so oft schon, den Verband, fast Fachmännisch, an. Schweigend, fast Atemlos verfolgen ihre Mitschüler und ihre Lehrerin jede Gabriels’ Taten. Seufzend packt diese ihre Sachen zusammen, steht auf, greift nach der Jacke, wirft noch einen Blick auf ihren Lieblingsbleistift der vergraben in den roten Taschentüchern untergeht. Dann lächelt sie über die Gerüchte und schrägen Blicke die ihr bald folgen werden. Summend schaut sie aus dem Fenster in den blauen Himmel, zieht ihre Sonnenbrille hervor, setzt sie auf und geht zur Türe. „Bitte entschuldigen sie mich, ich suche wohl mal einen Art auf.“ Fast muss sie lachen als ihr ungläubigen Blicke folgen, und sich die Türe leise hinter ihr schließt.




Die Stille des kühlen Zimmers erdrückt sie beinahe. Das Rollo halb heruntergelassen und die Vorhänge zugezogen. Kein Laut dringt aus der ganzen Wohnung. Es ist so unheimlich still. Die blass grünen Augen Gabriel’s blicken starr an die Decke, ohne eine Regung, fast wie leblos. Ihr schmaler, blasser Körper schimmert schwach gegen das weiß des Untergrundes, und ihr Haar umrahmt ihr bleiches Gesicht. Ein plötzliches zwinkern ist das einzige Zeichen das sie noch lebt. Dann richtet sie sich prustend auf, schnappt nach Luft und sieht dem sich glättenden Wasser der Badewanne zu. Es vergeht einige Zeit bis sie sich aus dem mittlerweile erkaltetem Wasser müht um, in ein Handtuch gehüllt, vor dem Spiegel flüchtend, in ihr Schlafzimmer huscht. Müde streift sie sich wieder einige Kleidungsstücke über, legt zwei neue Verbände an und setzt sich auf die Fensterbank. Mauzend springt ihre schwarze Katze neben sie auf die Fensterbank, blickt mit ihren klugen blauen Augen zu ihrer Herrin auf und legt sachte ihren Kopf auf das angewinkelte Bein des Mädchens. Momente später bemerkt Gabriel die Katze, liebevoll schaut sie dem treuen Tier in die Augen und das grummeln, maunzen und Schnurren des Tieres zaubert ein Lächeln auf das all zu oft traurige Gesicht Gabriel’s. „Was ist denn los Luzi, hm?“ Als ob sie die Worte des Mädchens verstanden hätte streckt sich die Katze und berührt mit ihrer Pfote kurz das Gesicht Gabriel’s, als ob sie eine Träne wegwischen wollte. Das Lächeln breitet sich über Gabriel’s Gesicht aus und zärtlich drückt sie die Katze an sich. „Nein Luzifiel, ich muss nicht weinen. Kann ich nicht mehr. Aber in deiner Nähe brauche ich auch nie zu weinen. Du bist mein kleiner guter Geist.“ Schnurrend schmiegt sich Luzifiel a das Mädchen und schließt vertrauensvoll die klugen Augen. Nach einiger Zeit steht Gabriel vorsichtig auf und legt die schlafende Katze auf ihren Platz am Fußende des Bettes. Dann geht Gabriel in ihr Wohnzimmer hinüber, das vom Sonnenuntergang in blutrot getaucht ist. Wählerisch sucht sie eine CD heraus und legt diese auf. Die melodisch-sehnsüchtig-agressiv-starke Musik schwebt durch die ganze Wohnung und verdrängt das zermürbende Schweigen.

Die Nacht bringt wieder etwas Kühle mit, welche die Hitze des vergangenen Tages abzumildern versucht. Und über der hektischen, pulsierenden Stadt funkeln die Diamanten unbeachtet im samtblauen Himmel. Wie schon viel zu oft zuvor sitzt Gabriel in dieser Nacht wieder schlaflos am Fenster und schau sehnsüchtig zum Nachthimmel hinauf. Luzifiel sitzt auf dem Bett und schaut schweigend zu ihrer Herrin hinauf. Ein läutendes Telefon zerbricht den dünnen Hauch Friede den der Moment inne hatte. Schmunzelnd blickt Gabriel auf die Uhr, seufzt und geht langsam in den Flur um den Anruf zu beantworten. „Es ist mal wieder soweit Luzi!“ Ungerührt setzt sie sich im Flur auf den Boden, stellt das Telefon vor sich und betätigt die Freisprechanlage. „Ja bitte? Was habt ihr dieses mal auf Lager? Wieder nur stöhnen oder auch mal wieder ein paar Beleidigungen?“ Einen Moment hängt Schweigen in der Luft, dann folgt ein Räuspern aus dem Telefon. „ähm, bitte verzeihen sie, aber ich war auf der Suche nach jemandem Namens Gabriel ... ähm, ... den Nachnamen kann ich leider nicht ganz aussprechen.“ Ein Lächeln huscht über Gabriel’s Lippen. „Ich bin Gabriel. Es wird nicht Ausgesprochen wie geschrieben, und kann auch ein Mädchenname sein, nur um ihre Bedenken zu zerstreuen. Was kann ich für sie tun?“ Wieder herrscht einen Moment Schweigen. „Nunja Frau,... Gabriel... es geht um ihre Tante. Wir haben schon versucht ihre Mutter zu verständigen, jedoch konnten wir ihren Aufenthaltsort nicht feststellen.“ Gabriel lacht kurz und kühl auf. „Machen sie sich da mal keine Vorwürfe. Ich weiß auch nicht wo sie hin ist. Aber was ist mit meiner Tante?“ Der Anrufer holt kurz Luft. „Da sie die einzige, oder letzte, Lebende, ausmachbare Anverwandte sind, muss ich ihnen leider Mitteilen das ihre Tante gestern Abend zu und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Mir als Stationsarzt ist es Auferlegt ihen Mitzuteilen, dass ihre Tante an den, ihr zugefügten Stichverletzungen eines Überfalls erlegen ist. Es tut mir leid.“ Die Stimme des jungen Mannes ist immer stockender geworden. Nun scheint es fast er sei kurz vor dem Ausbruch in Tränen. Gabriel atmet tief durch und lehnt den Kopf gegen die Wand. „Um jedoch sichergehen zu können das die Frau, die hier bei uns verschieden ist, auch wirklich ihre Tante ist, muss ich sie bitten zu uns zu kommen um sie zu identifizieren. Wäre das eventuell möglich?“ Gabriel schüttelt langsam den Kopf. „Ich habe meine Tante sei gut 8 bis 10 Jahren nicht mehr gesehen. Es tut mir leid, aber die einzige die sie vielleicht identifizieren könnte ist ihre Schwester. Aber selbst ich weiß nicht wo sie ist, oder ob sie noch lebt. Es tut mir leid, Herr..." Der Arzt am anderen Ende der Leitung bricht stotternd sein betretenes Schweigen. „Lorenz, .. Doktor Simon Lorenz... Ich... es tut mir leid. Wir werden dann weiter nach ihrer Mutter suchen. Bis dahin wird ihre Tante hier behalten. Wenn sie wollen werde ich sie über die Ergebnisse unterrichten, so wir etwas über ihre Mutter herausfinden.“ Gabriel nickt. „Ja danke. Das wäre sehr freundlich.“ Der Arzt seufzt. „Es könnte sein das sich die Polizei dennoch mit ihnen in Verbindung setzt. Ansonsten entschuldigen sie bitte die Störung.“ Auch Gabriel seufzt. „Danke schön. Ich werde dann auf den Anruf der Polizei warten. Und ich noch wach, also bitte machen sie sich da kein schlechtes Gewissen... gute Nacht.“ Ohne eine Antwort abzuwarten unterbricht Gabriel die Verbindung und rollt sich auf dem kalten Boden, vor dem unheilbringenden Telefon, zusammen. Diese achso tolle Erfindung der Menschheit verkündete ihr immer nur Unheil. Es stimmte, sie hatte ihre Tante lange nicht gesehen, Jahre lang, jedoch seit dem Verschwinden ihrer Mutter hatten sie jede Woche mindestens zwei mal telefoniert. Und ihrer Tante hatte sie es zu verdanken, das sie, obwohl sie erst 17 ist, alleine diese Wohnung bewohnen konnte. Ihre Tante hatte ihr immer etwas Finanziell geholfen, denn das Kindergeld reichte nicht immer aus und was Gabriel durch ihre Arbeit neben der Schule verdiente verbesserte ihre Lage nicht gerade. Gabriel musste schlucken. Alles was sie noch hatte war ihre Tante gewesen. Und nun war sie endgültig alleine. Aber keine Träne will die kühlen Augen verlassen. Jeder der in ihrer Nähe gewesen war und ihr etwas bedeutet hatte war nun fort. Warum bedeutet sie nur Unglück. „Ich will weinen! Warum kann ich nicht weinen?!“ Traurig und trotzig rappelt sie sich auf und geht in das Badezimmer. Die Gestalt im Spiegel ekelt sie an. Dieses Leblose, lieblose etwas. Wütend schlägt Gabriel ihre Hand gegen den Spiegel, und schon rinnt ein Faden Blut den Spiegel hinab. Die Wunde an ihrer Hand war nun wieder aufgebrochen. Der Schmerz lässt das Chaos in ihr kurz verstummen. Erleichtert atmet Gabriel auf. Doch es stürzt zurück, das schmerzlich chaotische schreien in ihr. Dagegen hilft ihr in diesem Moment nur eines. Halb in Trance ergreift sie die all zu vertraute Klinge.


Als die Sonne aufgeht und sich zögernd über die Stadt streckt, sitzt Gabriel schon lange am Fenster. Ihre Schultasche steht bereit neben der Türe und ihre Jacke und die Schlüssel liegen auf dem gemachten, oder auch unbenutzten Bett. Die ganze Wohnung liegt verstummt, jedoch glitzernd und frisch geputzt, in schweigen. Der Wecker an ihrem Bett zeigt nicht einmal ganz halb sechs an, doch Gabriel hat es satt noch weiter hier zu sitzen. Träge und mit steifen Gelenken, müht sie sich von der Fensterbank und streckt sich. „Noch eine Nacht ohne Schlaf und ich kann mir gleich schon mal die Schaufel nehmen und mein eigenes Grab vernünftig ausheben.“ Mürrisch greift sie nach Schlüsseln und Jacke, geht aus dem Zimmer, wirft einen Blick in das Wohnzimmer, auf die Schlafende Luzi, ergreift ihre Tasche und geht durch den Flur, an dem, wie nun alle, verhangenen Spiegel vorbei Richtung Tür. Als sie die Hand an die Klinke legt läutet das Telefon. Die Nase rümpfend geht sie zurück und hebt den Hörer ab, um mit einem wenig freundlichem „Ja“ zu antworten. „Du kleine psychopathische Hexe du! Du satanistische Teufelsanbeterin du!“ Das näselnde zischen klingt mehr albern als erschreckend. Vielleicht doch erschreckend, aber erschreckend bescheuert und dumm. Gabriel seufzt. „Bitte denk noch mal darüber nach was für einen Inhaltlichen Schwachsinn du da fabrizierst. Und dieses genäsel und gezische ist vielmehr lachhaft als beängstigend! Wir sehen uns in der Schule.“ Kopfschüttelnd drückt sie den Hörer zurück auf die Gabel und geht zur Türe hinaus, lange bevor die Schule beginnen wird.


Seit fast einer halben Stunde sitzt sie nun da, auf einer Bank auf halbem Wege von der Bushaltestelle zur Schule. Die Sonnenbrille hat sie sich fest vor die Augen gedrückt und das Haar verdeckt ihr Gesicht teilweise. Obwohl sie erst tags zuvor so ein merkwürdiges Gefühl hatte und ihr Verstand laut „NEIN!“ zu rufen, viel mehr zu brüllen, scheint, hatte sie sich nun doch auf die Bank gesetzt und beobachtete nun die gegenüber liegende Straßenseite. Die Uhr an ihrem Handgelenk zeigt erst viertel vor sechs an und die Schule würde nicht erst in zwei stunden beginnen. Zum bestimmt tausendvierhundertneunundzwanzigsten (1429) mal fragt Gabriel sich nun schon, warum sie überhaupt zu so unmenschlicher Stunde hergekommen war. Zum einen war ihr die Begegnung gestern unheimlich erschienen, zum anderen jedoch wollte sie nichts lieber als diesen Jungen wiedersehen, bzw. einmal richtig sehen, und dem Geheimnis seiner Augen auf den Grund gehen. Also, nun war sie hier, bzw. ist sie hier, und ihre Augen lassen sich keine Bewegung auf der anderen Straßenseite entgehen. Einen kurzen Moment später schüttelt Gabriel seufzend den Kopf und greift nach ihrer Tasche um sich noch etwas, zu einem Kaffee, bei einem nahegelegenen Bäcker einzufinden. Summend steht sie auf und schwinget in der selben Bewegung ihre Tasche über die Schulter und blickt dann auf. Zischend zieht sie die Luft durch die Zähne ein, macht einen Schritt rückwärts, stolpert gegen die Kante der Bank und beginnt nach hinten über zu kippen. Mit ungeheurer Sicherheit und Stärke legt sich ein Arm um ihre Schulter und eine zweite Hand ergreift ihren Arm. Kaum Sekunden darauf findet sich Gabriel leicht verwirrt in den Armen des Jungen wieder, auf den sie irgendwie gewartet hatte. Wie er sie so fest an sich drückt hört sie das heftige schlagen ihres eigenen Herzens und das rauschen des Blutes in ihren Ohren, und auch das schlagen seines Herzens. „Eigentlich sollte ich erschreckt sein, nicht du, oder sie, oder wie auch immer. Aber ich denke ein „Danke“ passt jetzt auch nicht ganz, da ich mich nicht selbstverschuldet in diese Situation gebracht habe. Wo ich schon mal dabei bin: guten Morgen!“ Seufzend lockert er seinen Griff und entlässt Gabriel. Mit leicht zusammen gekniffenen Augen blinzelt er gegen die Sonne in Gabriel’s Gesicht und lächelt sachte. „Nun ja, wenigstens scheinst du es mit Humor zu nehmen. Und du scheinst recht redselig zu sein. Und ... ich denke das „du“ ist schon OK.“ Das lächeln wächst und die tiefen dunklen Augen erstrahlen. „Ich wusste nicht ob und wann du wieder hier bist, darum kam ich um zu warten...“ Diese offene Antwort auf ihre unausgesprochene Frage, warum er denn eigentlich hier sei, überrascht Gabriel. „Mir war das Gestern irgendwie suspekt. Deshalb kam ich ebenfalls früher.“ Er nickt auf ihre Antwort hin. „Du gehst noch zur Schule?“ Er deutet mit einer Kopfbewegung die Strasse entlang. Sie schaut auf ihre Schultasche, den gerade ankommenden Bus und an sich herab. „Nein, ich tue nur so. In Wirklichkeit bin ich gerade auf dem Weg die Gegend hier etwas aufzuforsten,.. etwas Esche, ein wenig Tanne und Buche....“ Sie begleitet ihre Worte mit einem klopfen auf ihre Tasche. Der beißende Sarkasmus scheint ihn wenig zu kümmern. „O.K., dumme Frage. Wann geht der Unterricht für dich los?“ Trotz der blendenden Sonne schaut er ihr mit offenen Augen ins Gesicht. „Viertel nach acht.“ Er nickt kurz. „Hier vorne ist ein Bäcker, wie du sicher schon weißt. Wärst du sehr bestürzt wenn ich dich dahin begleitete?!“ Die Frage scheint vielmehr eine Bitte zu sein. Zögernd nickt Gabriel und die zwei setzten sich schweigend Richtung Bäcker in Bewegung. „Danke.“ Mehr bringt der Junge auf dem ganzen Weg nicht hervor, und Gabriel wird überrannt von plötzlichen Stürmen verschiedener Empfindungen. Ein Chaos macht sich in ihr breit, doch dieses mal ist es nicht unerträglich. Es ist vielleicht unbekannt und etwas beängstigend, doch unbekannterweise irgendwie angenehm. Leise lächelnd schüttelt sie sachte den Kopf und schreite neben dem Jungen dahin. In Schweigen.


Trotz der frühen Stunde schleppen sich schon einige Menschen mit müden Blicken dahin. Der Bäckereiladen ist bis auf die zwei und den Bäcker, der die Auslagen füllt, leer. Das brummen der Kaffeemaschine vertreibt die Stille. Immer noch geschützt von der Sonnenbrille wandert Gabriels Blick neugierig und prüfend über die Gestalt des fremden Jungen, der sie auf unerklärliche Weise ins schwanken bringt. Dies jedoch nicht in unangenehmer Art und Weise. Als ihre Blicke zurück von seinen Händen zu seinem Gesicht wandern treffen sie auf seine fragend dreinschauenden Augen. „Ist es unhöflich, wenn ich dich bitte die Sonnenbrille abzutun damit ich in deine Augen sehen kann wenn wir uns unterhalten?“ Gabriel lächelt sachte. Ihr gefällt diese nüchterne direkte Art. „Ist es unhöflich wenn ich dich frage wie du heißt und warum du auf mich gewartet hast, bzw. warten wolltest?“ Immer noch lächelnd nimmt sie die Sonnebrille ab und legt sie zur Seite, seine Antwort abzuwarten. Nun beginnt auch er zu lächeln. „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht genau warum ich gekommen bin. Gestern überkam mich so ein merkwürdiges Gefühl. Als ich mich umsah, warst du da. Doch so schnell habe ich noch nie zuvor jemanden flüchten sehen.“ Gabriel grinst und hebt eine Augenbraue während sie ihren Kaffee rührt. „Deinen Namen magst du wohl nicht nennen, wie? Vielleicht eher deine sonstigen Daten die von Interesse sind? Oder irgendetwas mit dem ich dich ansprechen darf?“ Erst als sie endet fällt ihr auf wie stark ihre Stimme wieder in den Sarkasmus abgedriftet ist. Doch der Junge ihr gegenüber lächelt sachte und nickt. „OK.“ Er seufzt, nippt an seinem Kaffee und lehnt sich dann zurück. „Also, ich bin Joshua- Raphael getauft worden, daraus machten bis heute alle ein kurz und bündiges ‚Josh’, was auch reicht.“ Er zwinkert ihr kurz zu und führt dann seinen Vortrag fort. „Ich wurde vor 20 Jahren in diesem kleinen Städtchen hier geboren und auch aufgezogen. Meine Eltern sind geschieden, ich wuchs abwechselnd bei beiden auf. Ich bin Einzelkind, lebe endlich selbstständig, studiere Kunst und arbeite nebenher als Koch in einem kleinen netten Restaurant in der Innenstadt. Und somit endet mein Vortrag hier. Sonst noch fragen?“ Seufzend greift Josh wieder nach seiner Tasse und schaut Gabriel Fragend über den Rand hinweg an. „Nein danke. Ich fühle mich schon viel Klüger und aufgeklärter.“ Halb kichernd, halb hustend stellt Josh seinen Kaffee wieder ab. Fragend schaut ihn Gabriel an. „Wie du deine Augen gerade verdreht hast und den Schmollmund, und... Verzeih, aber das war einfach nur genial. Aber nun zu dir, wie heißt du? Falls es kein Staatsgeheimnis ist. Und du brauchst deine Lebensgeschichte nicht erzählen wenn du nicht magst. Du scheinst nicht nach einem Mädchen auszusehen, dass gern über ihre Geschichte spricht, jedenfalls nicht sofort.“ Erlächelt aufmunternd, stellt die Ellbogen auf den Tisch und stützt das Kinn in die Hände. Gabriel lächelt ruhig und ehrlich zurück. „Danke,...“ Er zwinkert. „Kein Problem.“ Sie schaut auf die Tasse in ihren Händen und dreht diese vorsichtig hin und her. „Ich wohne alleine, seit meine Mutter auch abgehauen ist,... meinen Vater kenne ich nicht mehr, kannte ich eigentlich nie wirklich. Ich bin 17,.... aber die Schule werde ich noch fertig machen, und danach erst richtig in einen Job einsteigen. Solange schlage ich mich noch etwas durch.“ Er seufzt sachte, und das Schweigen breitet sich langsam aus, wie eine sachte Nebelwoge. „Gabriel, ... das ist mein Name.“ Er schaut ihr zu wie sie die Kaffeetasse in den Händen dreht, und in seinen Augen glimmt ein Leuchten auf. „Ein Engel, ...darum musste ich mich also umschauen.....“


An ihrem Bleistift nagend überdenkt Gabriel ihr Verhalten an diesem Morgen, während sie versucht sich so gut wie möglich von dem monotonen Vortrag ihres Lehrers abzulenken. Als er sie als Engel bezeichnet hatte war sie verstummt. Schweigend hatte sie ihren Kaffee geleert, gezahlt, sich höflich jedoch kühl verabschiedet und wollte gehen, als er sie an der verbundenen Hand festhielt und sie ein stechender Schmerz durchfuhr. Von dem Schmerz geblendet hatte sie ihn geohrfeigt und war weggelaufen. Seufzend schüttelt Gabriel nun den Kopf über ihr eigenes Verhalten. Mit fortschweifendem Blick sieht sie aus dem Fenster und grübelt über die strahlenden Augen Joshuas nach. Gabriel folgt mit dem Blick dem Lauf der wenigen Wolken am blauen Himmel, als ihr Lehrer seine Aufmerksamkeit auf sie richte. Es ist diese ständige Kontrolle die er durchführt, und sein ebenfalls ständiger Versuch sie vorführen zu können. „Und da sie meinem Vortrag so interessiert gefolgt sind, Gabriel, können sie mir sicher sagen wie der Kaiser der Weimarer Republik seine Regentschaft über das Volk ausführte.“ Das lächeln auf seinem Gesicht ist mehr als bösartig, perfide. Gabriel wendet nicht einen Moment den Blick von den Wolken. „Wenn sie der Meinung sind, ich lasse mich von ihnen provozieren und verwirren, haben sie sich geirrt.“ Mit beißendem Blick begegnet sie seinem verärgertem. „In der Weimarer Republik herrschte die Konstitutionelle Monarchie, der Kaiser war mehr Repräsentativ. Das Parlament hatte die wirkliche Macht. Somit regierte er sein Volk nicht wirklich. Außerdem,...“ Gabriels Stimme senkt sich und sie wechselt von ihrer kühlen Rationalität zu ihrer sarkastisch, freundlichen Art. „... sie haben diese in ihrem Vortrag nicht erwähnt und hielten den selbigen unter dem Thema der veränderten Bedeutung der Frauen im Mittelalter bis heute. Und wenn ich mich nicht irre schellt es jetzt.“ Kühl, emotionslos lächelnd schnippt Gabriel mit den Fingern und im selben Moment beginnt die Schulglocke zu schellen. Verblüfft und mit böse funkelnden Augen blitzt ihr Lehrer sie an. Er schaut ihr zähneknirschend nach als sie erhobenem Hauptes die Klasse verlässt.


Der Tag war wieder unausstehlich gewesen. Sie war unausstehlich gewesen, gegenüber Joshua jedenfalls. Lautlos seufzend steht sie in der Ecke des Pausenhofes, im schützenden Schatten der altehrwürdigen Linden. Das Schellen der „Erlösung“ bedeutenden Schulglocke ist nun schon seit fast Zehn Minuten verstrichen und der grölende Pöbel entschwunden. Einzelne hetzen noch über den Hof, hinaus aus der Schule, in einen Freiheit verheißenden Nachmittag. Endlich setzt Gabriel ihre Sonnenbrille auf, sperrt die Tagesglut aus, und wandelt gemächlich gen Tor. Aus ihrer Umhängetasche sucht sie ihren mp3-Player hervor und steckt die Ohrstecker ich ihre Ohren. Nach dem kleinen Ärgernis in der heutigen Geschichtsstunde soll die Musik sie wider beruhigen und vor allem auf andere Gedanken bringen. Unachtsam stößt sie mit der bandagierten, linken, Hand an einen der Metallstreben des Gattertors. Der Schmerz lässt sie kurz zusammen zucken, erinnert sie aber wieder an das jetzt und hier, welches durch die Musik schon zu verschwimmen begonnen hatte. Als Gabriel wieder aufblickt sieht sie zwei Jungs aus ihrer Stufe, nur wenige Meter vor sich. Die Augen rollend hält sie an. Ein absolut gehässiges lächeln schwingt ihr entgegen. Seufzend die Ohrstecker lösend blickt sie den Zweien entgegen. „Was wollt ihr Deppen nun wieder? Reichen die Anrufe nicht mehr?“ Mit lässig in den Hosentaschen vertieften Händen treten die Zwei auf sie zu. „Du Biest, du verdammtes, schamloses, gefühlloses Biest. Wenn du nicht lernen willst, musst du halt fühlen. Wir müssen dir wohl eine Lektion erteilen!“ Drohend machen die Zwei Jungs noch einen Schritt auf Gabriel zu, doch sie weicht nicht einen Zentimeter zurück. Seufzend nimmt sie die Sonnenbrille ab und legt ihre Tasche bei Seite. „Ist es mal wieder soweit? Braucht ihr wieder Bestätigung, indem ihr zu zweit ein Mädchen verprügelt, nur um eurem Feigen Leben Sinn und Würze zu geben?!“ Den Rest ihres Vortrages kann sie nicht mehr vorbringen, ein Schlag mit der Flachen Hand trifft sie hart im Gesicht. „Wie wäre es, wenn ihr mal woanders hinschlagt? Die Ausreden für die Betreuer vom Jugendamt gehen mir langsam aus.“ Wutschnaubend macht der kleinere, selbst fast einen Kopf kleiner als Gabriel, einen weiteren Schritt auf sie zu, überwindet die Distanz komplett und drückt Gabriels linke Hand schraubstockartig zu, während er ihr in den Magen boxt. „Na, tut das etwa weh, Miststück? Du verdienst nichts anderes!“ Zischend zieht sie die Luft ein, presst dann die Lippen zu einem dünnen strich zusammen und schaut mit gläsernem Blick geradeaus. Das war das einfachste. Einfach abschalten, bis diese Idioten nicht mehr zu schlugen. Das hatte sie schnell gelernt gehabt. „Hört verdammt noch mal auf ihr Spinner!“ Die Stimme, die wütend an ihr Ohr dringt gehört zu einer Gestalt, die verschwommen in ihrem Blickfeld erscheint. Zitternd verlieren ihre Beine langsam die Balance, doch auf keinem Fall will sie sich Schwäche anmerken lassen. Der Griff um ihre nun wieder blutende Hand wird noch härter, und Gabriel kämpft um Luft. Sie erkennt durch den Verschleierten Blick, wie die neu dazu gekommene Gestalt dem einen ihrer Peiniger einen Schlag versetzt, der diesen zu Boden gehen lässt. Der Druck auf ihre Hand verstärkt sch weiter, und ein Keuchen entrinnt ihrer Kehle. „Was willst du hier? Mach das du wegkommst, das hier geht dich nichts an!“ Die verschwommene Gestalt achtet nicht auf den Einwand des kleineren der Zwei Schläger, dafür erhält dieser eine schallende Ohrfeige als Antwort. Dieser entlässt Gabriels Hand aus seinem Griff und taumelt zu seinem Kollegen hinüber. Auf schwankenden Beinen erkennt Gabriel die näher tretende Gestalt als Joshua. „Na, was stellst du denn wieder an? Ich wollte dich eigentlich nur etwas begleiten, aber nun bringe ich dich wohl besser Heim, kleiner Engel.“ Die beiden Schläger schauen verblüfft auf. Als sich Gabriels Blick klärt bemerkt sie nicht die, immer noch verblüfften, aber auch verhärteten und bösen Blicke die ihr und Joshua flogen, als dieser ihre Tasche vom Boden aufhebt und die Zwei gemeinsam die Schule hinter sich lassen.


„Das ist ‚Autsch’!“ Die Zähne zusammen beißend, versucht Gabriel ihr Gesicht aus Joshuas Händen, und seinem Folterwerkzeug, genannt ‚Der Eisbeutel’, zu entwinden. Mit sanftem Nachdruck dreht dieser ihr abgewandtes Gesicht jedoch zurück und hält vorsichtig den Eisbeutel an ihr Auge. „Ruhe da! Wer mehrere Schläge ohne Murren einsteckt, der soll bei der Nachbehandlung nicht zimperlich sein!“ Gabriel funkelt ihn bei seinen Worten böse an. „Ich bin nicht zimperlich!“ Ärgerlich springt sie von dem kleinen Sofa auf und trifft mit ihrem Kopf unsanft auf die Dachschräge, knapp über dem Sofa. Die Hände auf die schon aufblühende Beule pressend, sinkt sie auf das Sofa zurück und vergräbt ihr Gesicht in einem der kleinen Kissen auf dem Sofa. Joshua seufzt, zieht ihre Hände vom Kopf weg und legt den Eisbeutel nun auf die Beule, statt das Feilchen. „Nette Wohnung hast du hier.“ Gabriel Stimme trief benahe von Ironie und Joshua tätschelt ihr nur sachte die Schulter. Unfreiwillig bricht er dabei jedoch in einen Kicheranfall aus. Mit beleidigter Miene steht Gabriel auf, wirft Joshua den Eisbeutel zu und geht in das, ihr schon ausgewiesene, Badezimmer. Immer noch grinsend folgt Joshua ihr, bleibt in der offenen Türe stehen und schaut ihr zu während sie sich kaltes Wasser über das teilweise angeschwollene Gesicht laufen lässt. „Das wird wohl noch ein besonders nettes Feilchen werden....“ Vorsichtig tasten ihre Finger prüfend über die Stelle. „Wer spricht von ‚wird’? Es ist schon ein Feilchen! Aber sieh doch in den Spiegel da über dir.“ Joshua nickt gen Spiegel. „Gabriels Blick gleitet suchend über ihre nähere Umgebung, bis ihr Joshua ein Handtuch reicht. Ohne ihm eine weitere Antwort gegeben zu haben, oder den Spiegel auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben, tritt sie an Josh vorbei in den Flur der kleinen Dachgeschosswohnung. Kurz verschwindet sie im Wohn-/Arbeitszimmer und kehrt mit ihrer Tasche und Jacke zurück. Nach der Sonnenbrille suchend wendet sie sich der Tür zu. „Nette Behausung, sehr hübsch eingerichtet, tolle Aussicht. Danke für deine Hilfe, sehr freundlich. Ich muss gehen.“ Fast als ob sie panisch flüchten will, stürzt sie zur Tür. Joshua folgt ihr und schließt die kaum geöffnete Tür schnell wieder. „Du willst mich nicht wiedersehen, oder?!“ Er sieht wie sich ihre Schulter mehrmals heben und senken, doch sagt sie kein Wort. „Du wohnst auf halbem Weg zu meiner Schule. Du benutzt den Bus in die andere Richtung, um die Zeit zu der ich ankomme. Du bist nicht zu übersehen und wirst auch sicher nicht einen Bogen um mich machen, noch nicht...“ Kurz schweigt sie still. „Und ich sähe dich gern mal wieder.“ Energisch zieht sie die Tür auf und läuft in den Hausflur. Immer noch den Rücken gen Joshua gewandt verharrt sie kurz auf der ersten Treppenstufe. „Danke.“ Und als ob sie fliegt, huscht sie schnell und geschickt die Treppe hinab. Noch Minuten nachdem die Haustüre unten im Flur zugefallen ist und ihre Schritte lange verhallt sind, steht Joshua oben an der Treppe, an das Geländer gestützt und lächelt ihr mit leuchtenden Augen nach.


Der Tag verrinnt, die Nacht vergeht, ein neuer Morgen bricht an. Aus Angst auf Joshua treffen zu können, geht Gabriel an diesem Morgen. Trotz aller dagegen sprechenden Faktoren, zum Arzt. Es hatte sie genug Überwindung gekostet, in folge der Ereignisse des vergangenen Tages, an diesem Morgen in den Spiegel zu schauen. Sie hatte über Nacht erkannt, dass sie sich feige noch mehr verabscheute. Und feige ist schließlich nicht ganz das selbe wie schwächlich. Und Feige war sie gewesen. Der Spiegel hatte ihr einen recht bunten Anblick geboten an diesem Morgen. Von grün, über lila-blau bis zu rot und fast schwarz waren alle Nuancen von Blauenflecken auf ihrem Bauch und vor allem dem Gesicht zu sehen. Da jede sachte Berührung einen Sturm von Pein auslöst, überdachte Gabriel schnell ihr Konzept Ärzte zu meiden. Nun sitzt sie im Wartezimmer, das Haar und die Sonnenbrille trotz dem bewölkten Himmel, verschleiernd vor dem Gesicht. Das Wartezimmer ist fast leer, nur Gabriel und zwei tuschelnde alte Damen die ihr ständig Blicke zuwerfen. „Frau....“ Eine Arzthelferin tritt ein und verknotet sich bald die Zunge an dem Nachnamen Gabriels. Diese seufzt. „Gabriel, das bin ich.“ Die Arzthelferin lächelt entschuldigend. „Ein außergewöhnlicher Nachname.“ Gabriel nickt nur. Das Tuscheln hinter ihr wird intensiver und sie kann Bruchstücke heraushören. Genervt und verärgert dreht sie sich abrupt zu den Tratschtanten um und reißt die Sonnenbrille vom Gesicht. „Ja, ich wurde verprügelt. Nein, nein ich bin nicht verheiratet und habe keinen Freund der es getan hat. Und ja, ich bin zu jung zum heiraten. Und jetzt,...“ Gabriel schnauft. „...jetzt zerreißen sie sich das Maul über wen anderes!“ Mit erhobenem Haupt folgt sie der, sich ein Lachen verkneifenden, Arzthelferin in den Untersuchungsraum. Als die junge Frau den Raum im Begriff ist zu verlassen murrt Gabriel vor sich hin. „Wenn ich je so werde möge man mich erschießen.“ Grinsend schließt die Arzthelferin die Türe hinter sich. Die Uhr an der Wand zeigt, das Joshua längst auf dem Weg zur Arbeit sein muss.

 

Gelangweilt zieht Gabriel die Tür zu ihrem Klassenraum auf. Das Murmeln der Schüler verstummt allmählich als sie Gabriel erblicken. Augenrollend schließt sie die Türe und geht zum Pult. Ihre Mathelehrerin schreibt noch einen Moment weiter an die Tafel, bis sie durch die Stille in ihrem Rücken alarmiert aufhört und sich umwendet. Mit schockiertem Blick sieht sie Gabriel an, die sie kurz anlächelt, die Entschuldigung vom Arzt in die Hand drückt und durch die Reihen nach hinten geht. Auf dem Weg zu ihrem Platz begegnet sie den eisigen Blicken der beiden Schläger vom vorigen Tag. Wie ein unschuldiges Lämmchen lächelt sie diese mit strahlenden Augen an. „Revanche ...“ Sie zischt das Wort mehr als das sie es ausspricht. Kurz zuckt der Mundwinkel des einen, der andere lächelt schwach. Mit gespieltem Stolz schreitet sie an den Zweien vorbei.

 

Die Hitze an diesem Tag wird bald schon unerträglich, und das schon von 12 Uhr. Mit müden Augen und hängenden Köpfen sitzen die Schüler in ihren Bänken und folgen kaum noch der erschöpften Stimme ihres Deutschlehrers. Um halb 12 hat die Schulleitung dann endlich ein Nachsehen und gibt den Schülern Hitzefrei. Unbehelligt huscht Gabriel durch den Nebeneingang zur Schule hinaus. Heute war nicht der Tag um mit erhobenem Haupt durch das Hauptportal hinaus, in die Arme ihrer Häscher zu stolzieren. Etwas schwermütig lenken sich ihre Schritte in Richtung des sagenumwobenen Hauses, zu dem jeder ihrer Gedanken zurück rennt, wie sie es sofort hätte tun sollen als sie daraus weggestürmt, weggegangen war.




Fortsetzung Folgt !!

 




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